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Falteshütte am Kalbenstein

1940 begannen die Mitglieder der Sektion Würzburg des Deutschen Alpenvereins mit dem Bau einer Schutz- und Rasthütte auf eigenem Grund, unterhalb der Felswände des "Kalbensteins". Initiator und technischer Bauleiter war seinerzeit das DAV Urgestein Heribert Faltenbacher, weithin nur als der "Faltes" bekannt. Daher auch der etwas umständliche Name Faltes-Hütte. Der Um- und Ausbau zur heutigen Gesamtgröße erfolgte 1994.

Der Aufgang zur Hütte ist kurz. Man steigt entweder die Stufen am hinteren Ende des Parkplatzes nach oben oder nimmt den geschotterten Wirtschaftsweg, der in einem weiten Bogen hoch auf das ausgedehnte Plateau führt. Oben angekommen, stellt sich die vermeintliche "Hütte" dem Besucher als ein überraschend festes Haus dar, das sich mit seiner Rückseite unmittelbar an den Fuß des "Kalbensteins" lehnt; mit einer überdachten Veranda vor der Eingangstür, mit doppelten Sprossenfenstern und schweren Läden. Drei Giebelseiten zeigen in jeweils eine Himmelsrichtung, dahinter türmen sich die fast einhundert Meter hohen Felsen und man muss schon den Kopf in den Nacken legen um die gewellten Muschelkalkwände in ihrer ganzen Ausbreitung zu erfassen, die von hier unten aussehen wie mit einem riesigen Brotmesser in Form geschnitten. Wer es sich zutraut, kann dem steilen Pfad gleich neben der Hütte folgen der hinauf zum Edelweiß führt, wo ihn eine herrliche Aussicht über das weite Maintal erwartet; einzigartiges Berggefühl in schönster unterfränkischer Umgebung.
In sanftem Schwung, immer dem  Flußverlauf folgend bis hinüber ins nahe Gambach ziehen sich darunter die bewachsenen Hänge, in denen die Weinlage "Gambacher Kalbenstein" und das ausgewiesene Naturschutzgebiet "Greinberg-Kalbenstein-Saupurzel" einer bunten Fauna und Flora sicheren Lebensraum bieten.

Aber was ist das? Während der Wanderer noch neugierig den Aushang in dem Kasten an der Hüttenwand betrachtet hört er plötzlich ein nahendes Grollen, einem fernen Erdbeben ähnlich. Erschrocken sieht er sich um. Ruft etwa der Berg nach ihm? "Aufi musst, aufi!" Da donnert auch schon der Zug Aschaffenburg-Würzburg mit einem höllischen Lärm irgendwo da unten hinter den Bäumen vorüber, als säße der Leibhaftige selbst im Führerstand. Einen schmerzhaften Moment lang dauert das Inferno, selbst der felsige Boden zittert unter den Füssen, dann ist es auch schon vorbei. Ratternd entfernt sich das Ungetüm wieder und rast weiter am Ufer entlang. Erleichtert will der Besucher sich jetzt an einem der hölzernen Tische niederlassen und greift nach der Hüttenkarte, als ein Motorrad mit Vollgas über die Straße zwischen Fluss und Hang saust und sich mit einem bösartigen Heulen in die lange Kurve legt. Als  es wieder still wird und sich seine Ohren beruhigt haben, und er endlich neben der Hecke Platz genommen hat, dringt nun das dunkle Tuckern eines schweren Schiffsdiesels vom nahen Main herauf, das sich nach dem vorangegangenen Getöse jetzt fast schon besinnlich anhört.
Zugegeben, das sind alles nicht die typischen Laute einer heimischen Bergwelt, die in Abständen den Frieden hier oben stören und für einen Moment jede Unterhaltung unterbrechen. Aber das ist auch schon der einzige Misston an diesem schönen Ort. Im Sommer dämpfen die dicht stehenden Bäume und Hecken am Hang den Lärm, und nach übereinstimmender Auskunft aller Gäste gewöhnt man sich zudem schnell daran. Man hält einfach inne, trinkt einen Schluck und nimmt dann den Faden wieder auf. Manchem Gespräch hat diese kurze Unterbrechung schon gut getan...

Betritt man nun neugierig das geräumige Innere der Hütte, fühlt man sich sogleich in eine der alpinen Herbergen versetzt in denen der Bergwanderer nach seiner Exkursion gerne einkehrt. Vor den umlaufenden Wandbänken stehen große Tische, deren schwere Platten glänzen wie mit Tiroler Speck poliert. Ein hoher gemauerter Kamin, der rückwärts von der Küche aus befeuert wird, weckt Erinnerungen an knisternd heimelige Stubenabende im Winter und an den rauh geputzten Wänden, zeugen die schwarzweiß Fotografien älterer Alpenverein-Mitglieder von den Mühen und Freuden der Bergsüchtigen aus vergangener Zeit. Wagemutig trieb es sie schon damals aus ihrer Fränkischen Heimat hinaus in die schroffen Wände der berühmtesten Tausender, bis empor zu den eisigen Gipfeln. Zu jener Zeit noch ohne Mobiltelefon und federleichte Funktionskleidung, dafür in klobigen Schuhen, das schwere gerollte Seil über der Schulter und die Gürtel mit eisernen Haken behangen.
Zeitgemäßer schaut es da schon in der funktionalen Küche der Falteshütte aus. Gasherd, Kühlschrank, heißes Wasser; alles da, was man heute für einen zünftigen Betrieb braucht. Die hölzerne Stiege im Flur führt hinauf unters spitze Dach zum Schlafboden. "Betreten nur mit Hüttenschuhen". Dort bieten ein großer und zwei kleinere Räume Unterkunft für bis zu fünfundzwanzig Personen und wenn man sich gut versteht, können es auch ein paar mehr sein.

Platz genug ist jedenfalls draußen an den fest im Boden verankerten Tischen und Bänken, die an schönen Tagen von Naturfreunden aus nah und fern belagert werden. Die einmalige Lage und die einfache aber herzhafte Hüttenkarte mit ausschließlich regionalen Produkten, sind weithin bekannt. Es geht entspannt zu auf der Falteshütte und manch einer bleibt bei einem fränkischen Schoppen sitzen, bis die Dämmerung die Silhouette der hohen Kalkfelsen mit scharfem Strich in den Abendhimmel zeichnet. Dann wird es aber Zeit, bevor der "Geist vom Kalbenstein" im ersten Mondlicht aus dem Berg herabsteigt, um in seinem Reich nach dem Rechten zu sehen...


PS:
Der Verfasser dieser Zeilen ist übrigens auch der Autor der beiden Karlstadter Kriminal-Erzählungen "Ortstermin" I und II. Es geht dabei, wenn auch nur vordergründig, um eine Wasserleiche aus dem Main, die Liebe kommt vor, natürlich der Frankenwein und der Leser lernt währenddessen auf eine unterhaltsame und spannende Weise Karlstadt und seine Umgebung kennen.

Leseproben unter: www.paulsiegfried.de